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EIN SPAZIERGANG DURCH DIE SCHIFFTORVORSTADT
Von Jana Krupa.

"Unterm Sonnenstein, angelehnt an grüne Grasgärten, zieht sich die alte Fischer- und Schiffersiedlung an der Elbe hin, von deren nassbespülten Steinufern leider durch den Bahndamm geschieden. Ehemals, wie auf Dilichs Federzeichnung ersichtlich, lag sie außerhalb der Stadtmauer. Noch heute ist sie ein abseitiges Idyll. Ein kleiner rechteckiger Platz, der Plan genannt, liegt in der Mitte. Bunte Häuserchen, wie als Vorbilder für Spielzeugschnitzer hingebaut, umschließen ihn wie die Wände eines heiteren Sälchens. An den Rebenspalieren sprosst das junge Weinlaub. Über den Türen tun gemeißelte Anker und gekreuzte Fische das Gewerbe der Bewohner kund. Grüner Rasen rund um einen Steinbrunnen bedeckt die Mitte des Plans wie eine weiche Matte. Weiße Wäsche liegt zum Bleichen gebreitet darauf."
So beschrieb Edgar Hahnewald in seinen Sächsischen Heimatbildern den ältesten Pirnaer Stadtteil, den einst die Slawen als reihenförmige Bebauung anlegten, nah genug am Fluss, der lange Zeit den Haupterwerb sicherte und doch weit genug entfernt, um nicht bei jedem kleineren Hochwasser überschwemmt zu werden. Neben dem Schiffer- und Fischereihandwerk prägten später zahlreiche Töpfereien und Lagerplätze an der Elbe die in ländlicher Bauweise errichtete Siedlung.
Die historischen Grenzen der Schifftorvorstadt bilden im Norden die Elbe, im Süden der Waldhang unterhalb des Sonnensteins, im Osten der schmale Weg zwischen den Grundstücken Am Wasserwerk 7 und 8 und im Westen die ehemalige Stadtmauer mit dem Schifftor am Salzhaus (Lange Straße / Steinplatz).


Hier am ehemaligen Schifftor beginnt auch unser kleiner Spaziergang mit einem Blick auf die hellgrüne Fassade des Gebäudes Steinplatz 2. Erst Ende des 18. Jahrhundert erbaut, beherbergte es von Beginn an eine der größten Töpfereien der Vorstadt. Aus der Töpferei Lauschke ging später die Keramische Fabrik Pirna hervor. Während des Befreiungskrieges gegen Napoleon wurde im September 1813 die zuvor in Königstein abgebrochene Pontonbrücke "vor dem Schifftor an Lauschkens Haus über die Elbe geschlagen". Zum Familienbesitz der Lauschkes gehörte in dieser Zeit auch das Barockhaus Steinplatz 21, in dem ebenfalls noch im 19. Jahrhundert getöpfert wurde.


Der schmalen Straße zwischen den Häusern Steinplatz 20 und 21 folgend, ist nach wenigen Schritten der Plan erreicht. Bereits um 1700 gab es hier eine den Platz nahtlos umschließende Bebauung. Hier beginnt auch der älteste Teil der Vorstadt, dessen Besiedlungsgeschichte bis in das erste Jahrtausend zurückreicht.






Im Zentrum des Platzes befindet sich schon seit über 300 Jahren ein steinerner Wassertrog. An dem mehr als 5 m³ fassenden Wassertrog trafen sich die Bewohner der Siedlung nicht nur, um Wasser zu holen. Hier wurden auch Neuigkeiten ausgetauscht, während rings um den Brunnen die Wäsche zum Bleichen ausgebreitet in der Sonne lag. Bis zum 19. Jahrhundert diente der Sandsteintrog auch als Löschwasserreservoir. Als Verweis darauf findet sich im Quatemberverzeichnis von 1770 zum Wohnhaus Am Plan 13 der Eintrag "fom Hause gegen über stehet ein Feuer-Geräthshäußgen und ein steinerner Wassertrog".
So wie der Platz Am Plan erst kurz vor dem Betreten in seiner gesamten Größe sichtbar wird (dabei spielt es keine Rolle, von welcher Seite man den Platz betritt), entzieht sich die in der Südost-Ecke beginnende schmalste Gasse der Vorstadt, der sogenannte Planwinkel, den Blicken des Betrachters. Das Eckhaus Am Plan 10 zieht dagegen durch seine Portalgestaltung die Aufmerksamkeit auf sich. Über dem Hauseingang wird ein von einem Blätterkranz umrahmter Birnbaum von gekreuzten Fischen und einem Anker flankiert. Bis Ende des 18. Jahrhunderts gehörte dieses Gebäude zum Burglehn.
An der östlichen Stirnseite des Planes befindet sich jenes Gebäude, welches am stärksten mit der Tradition des Töpfereihandwerks in der alten Fischersiedlung verbunden ist. Aufgrund der von den Brennöfen ausgehenden Brandgefahr durften die Töpfer lange Zeit nur außerhalb der Stadtmauern ihrem Handwerk nachgehen. Petermanns Pirnsche Chronik überliefert zu dem vorgenannten Grundstück: "anno 1717, den 31. Januar, als am Sonntage Sexagesima, früh unter der Amtspredigt, kam bei einem Töpfer, Hanns Jacob Holfert, vorm Schifftor durch den Brennofen Feuer aus, wodurch dieses neuerbaute Haus gänzlich in die Asche gelegt worden". Im 19. Jahrhundert betrieb hier Johann Gottlieb Kloss als Töpfer sein Handwerk. Später ging aus der Töpferei die Ofen- und Tonwarenfabrik Lehmann hervor, die als Aktiengesellschaft Vereinigte Ofenfabriken Pirna weitergeführt wurde. Heute erinnert nichts mehr an diese Zeiten.
An der Nordost-Ecke des Planes beginnt die Plangasse. Die hier stehenden Häuser stammen überwiegend aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Teilweise im Bereich der Eingangsportale eingemeißelte Nummern beziehen sich auf das Brandversicherungskataster von 1785. Die Schmuckelemente in den Schluss-Steinen weisen auf die ehemaligen Besitzer und deren Zugehörigkeit zu den verschiedenen Berufsgruppen hin. Die abgestuften Gebäude- und Traufhöhen beleben die Häuserzeile und bezeugen noch heute die unterschiedlichen wirtschaftlichen Verhältnisse ihrer Erbauer. Während in dem kleinen Häuschen Plangasse 8 in früheren Zeiten Schiffknechte, Fischer, Schneider und Tischler lebten und arbeiteten, zeigt die großzügigere Gestaltung der Gebäudegruppe auf dem Grundstück Plangasse 9 / Steinplatz 7 die höhere gesellschaftliche Stellung des Schiffers Christian Friedrich Lange. Später lebte hier ein Schiffbauer und Holzhändler.
Seit einigen Jahren werden die Gebäude vom chilenischen Maler Hernando León als Wohn- und Atelierräume genutzt. Im Rahmen von Ausstellungen und am Tag des offenen Denkmals sind Einblicke in das Innere dieser Häuser möglich. Die Plangasse endet schließlich an der Ziegelstraße, deren Bezeichnung auf die "Communale Ziegelscheune" auf dem Grundstück Ziegelstraße 4 zurückzuführen ist. Bereits 1389 schloss der Rat einen Vertrag mit "Mertin Schonevelde" und seinen Kindern, Besitzern des "Czygelofen an der Elbin gelegin" über die Lieferung von Ziegelsteinen und Kalk zu städtischen Bauten. Zwischen den Grundstücken Steinplatz 6 und Ziegelstraße 2 befand sich bis zum Bau der Eisenbahnlinie der kleine Vorstadthafen, der früher auch als Schleuse oder Schleise bezeichnet wurde.


Der Weg führt ostwärts weiter die Ziegelstraße entlang, vorbei am ehemaligen Gasthaus "Zum grünen Schiff" (Ziegelstraße 2), an dessen glanzvolle Tage lediglich das einst aufwändig gestaltete Eingangsportal mit dem dreimastigen Segelschiff erinnert, bis zu den Resten des ehemaligen Eistores. Ein Blick nach rechts auf den bewaldeten Hang zeigt auch den oberen Teil des Gebäudes der 1860 durch die brauberechtigte Bürgerschaft errichteten Brauerei (Am Wasserwerk 9). Aber wo soll denn hier an der Ziegelstraße ein Eistor sein? Das Eistor war in vergangenen Zeiten zum Schutz vor Hochwasser und den oft zerstörerischen Eisfahrten angelegt worden und verbarrikadierte bei Bedarf die Ziegelstraße. So sollte das Vorrücken des Eises in die Stadt verhindert werden. Die Reste des alten Eistores sind noch heute als Straßeneinengung an der Grenze von Ziegelstraße und Straße Am Wasserwerk erkennbar.
Nun sind wir auch schon am alten Standort des Schießhauses (Am Wasserwerk 1) angelangt und damit fast am Ende der Schifftorvorstadt. Wer jetzt Durst oder Appetit auf Eis verspürt, dem ist ein Abstecher zum schattig gelegenen Café "Eisbar am Strom" zu empfehlen. Der Weg dorthin ist nicht zu verfehlen und, wenn man die Straße Am Wasserwerk weiterläuft, bestens ausgeschildert. Skandinavienfans und Saunafreunde können im Finnlandhaus einkehren, ebenfalls an der Straße Am Wasserwerk gelegen.
Für den Rückweg bietet sich der Elbradweg an, der an dem bis zum Jahr 1834 als Zolleinnehmerstation genutzten Haus Am Elbufer 1 (früher Gasthaus "Elbschlösschen") vorbeiführt. Hier sind mehrere historische Hochwassermarken angebracht, unter anderem von 1845 und 1890. Der kleine Eisenbahntunnel nach dem Zollhaus führt wieder zum Steinplatz, dem alten Niederlageplatz vor den Toren der Stadt, der sich vor der Errichtung des Bahndammes bis zu Elbe hin erstreckte. Am Steinplatz 20 endet der Spaziergang an jener Stelle, wo sich bereits um 1700 die Töpferschenke (später Gasthaus "Zum Anker") befand. Fleischäxte und Initialen im Torbogen weisen auf den Gastwirt und Fleischhauer Carl Gottlieb Schneider hin. An dem Gebäude befindet sich auch eine der schönsten Hochwassermarken Pirnas. Viele andere Dinge gibt es noch in der Schifftorvorstadt zu entdecken. Die alte Siedlung hat sich über die vielen Jahrhunderte einen besonderen Charme bewahrt, der sich uns jedoch nicht immer gleich auf den ersten Blick erschließt.
Wer aber am 26. Juli 2003 das Kunstfest Am Plan miterleben durfte, kennt den Zauber dieses Teils von Pirna, der durch seine Geschichte, seine beschauliche Atmosphäre und den nach dem Augusthochwasser 2002 wiedergefundenen Zusammenhalt der "Schifftorianer" bestimmt wird.

Quellenangabe:
- Sächsische Heimatbilder (Edgar Hahnewald)
- Quatembersteuerverzeichnis von 1770, Stadtarchiv Pirna
- Napoleonschanzen und Kanonenkugeln (Klaus Kroitzsch)
- Petermanns Pirnsche Chronik
- Historisch-Topografische Beschreibung der Amtshauptmannschaft Pirna (Alfred Meiche)